Das wachsende Kalb

Logo der Kreuzberger Trillerpfeife © LG KreuzbergIm dritten Teil seiner Serie über die Trainingslehre in der Kreuzberger Trillerpfeife schreibt Stefan Paffrath über das Prinzip der progressiven Belastung. Am Anfang dieser Serie hatte ich von Milon von Kroton berichtet, der lange vor Christi Geburt deshalb der größte Olympiasieger aller Zeiten wurde, weil er nach zahlreicher Prügel durch die Nachbarsjungs jeden Tag ein Kalb um das Anwesen seiner Eltern trug. Daraus können wir immer wieder andere Trainingsprinzipien ableiten.

Dieses Mal geht es um die Frage, warum Milon auch am Ende nicht unter dem ausgewachsenen Rind zusammengebrochen ist. Im Verlauf eines effektiven Trainings (nach Möglichkeit alle zwei Tage mit überschreiten der Reizschwelle, d.h. man fühlt sich nach dem Training angestrengt, siehe letzte Ausgabe) verschiebt sich das Leistungsniveau langsam nach oben, zu deutsch, man wird immer besser. Auch die Reizschwelle, also der Punkt, ab dem das Training etwas bringt, steigt natürlich zusammen mit dem Trainingszustand an. Das lässt sich am einfachsten an dem Kalb von Milon verdeutlichen. Immer wenn Milon das Kalb locker tragen konnte, war es ja inzwischen gewachsen. Das Training wurde also automatisch immer intensiver. Bei uns sorgt dafür der Trainer oder, wenn wir keinen haben: wir selbst – was natürlich viel schwieriger ist, weil man sich immer neu dazu durchringen muss. Und immer, wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat, muss man, um noch mehr zu schaffen, das Kalb, also das Training, anwachsen lassen. Wäre das Kalb nicht mehr gewachsen, wäre Milon auch nicht mehr besser geworden.

Wenn ich auf dem Niveau bin, auf das ich kommen wollte, zum Beispiel zweimal die Woche eine Stunde locker bis zügig Laufen mit ein paar Steigerungen, dann liegt hier meine Reizschwelle. Um dieses Niveau zu halten, muss ich dieses Pensum immer wieder bewältigen. Das Schöne ist: je öfter ich diese Strecke laufe, desto leichter fällt sie mir, d.h. die innere Belastung lässt nach. Das Laufen macht immer mehr Spaß und man hat Zeit zum Nachdenken oder für andere Dinge.

Dieses Prinzip der progressiven Belastung hat aber nicht nur seine Vorteile. Am Anfang war es noch leicht, das Training zu intensivieren, man hat sich schnell verbessert. Je besser man wird, desto anstrengender wird es, wenn man noch mehr will. Ist ja auch logisch, schließlich kann ich ja nicht unbegrenzt schnell laufen oder unendlich weit, irgendwann ist Schluss. Ansonsten müssten Leistungssportler nicht jeden Tag viele Stunden trainieren, um ihr Spitzenniveau zu erreichen und zu erhalten. Sie müssen für jeden kleinen Fortschritt unheimlich viel tun, weil ihre Reizschwelle inzwischen sehr hoch liegt und sie mit jedem Schritt dem Ende der Fahnenstange näher kommen.

Was aber heißt dieses alles nun zusammengefasst für uns?

Am Anfang muss ich eine bestimmte Schwelle überschreiten, damit Training Sinn macht. Diese spüre ich durch Anstrengung. Viel mehr muss und sollte ich nicht tun, weil ich den Körper sonst überanstrengen würde, also: Wer beim ersten Training völlig außer Atem ist, hat etwas falsch gemacht. Es reicht völlig aus, wenn man sich etwas anstrengt, in diesem Pulsbereich hat man den besten Erfolg und schont den Körper. Wenn man dann die gleiche Strecke mehrmals im gleichen Tempo gelaufen ist, fällt einem das leichter, die Reizschwelle ist gestiegen. Jetzt muss man mehr laufen, bis einem diese Strecke wieder leicht fällt, dann wieder steigern. Und so weiter.

Wenn mehrere Leute zusammen laufen (geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude doppelte Freude; sehr zu empfehlen), dann muss man natürlich darauf achten, dass alle ungefähr gleich fit sind. Sonst ist es für den einen noch zu langsam, während der andere schon fast auf dem letzten Loch pfeift und seinen Körper unnötig überbelastet. Dann läuft eben der eine etwas schneller oder dreht zwischendurch eine Extra-Runde.

Dies alles kann jeder schaffen, auch wenn er sich vielleicht für weniger sportlich hält. Wenn man sich einmal überwunden hat, sicham Anfang nicht überanstrengt und auch regelmäßig trainiert, kann man schon früh Erfolge verbuchen. Die wirken sich dann nicht nur auf dem Fußballplatz aus. Man hat etwas geschafft, ist belastbarer und weniger stressanfällig, bekommt bessere Laune und: Das Durchhaltevermögen verbessert sich auch in vielen anderen Bereichen. Viel Spaß dabei!

Der Artikel wurde im November 2010 in der »Kreuzberger Trillerpfeife«, der Zeitschrift der Lehrgemeinschaft Kreuzberg, veröffentlicht. Diese und weitere Ausgaben können auf der Webseite www.lehrgemeinschaft-kreuzberg.de heruntergeladen werden.