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Der Erfinder des Trainings

Logo der Kreuzberger Trillerpfeife © LG KreuzbergStefan Paffrath schreibt in der Kreuzberger Trillerpfeife über Anfänge, Homöostase und optimale Trainingshäufigkeit.

Vor 2500 Jahren lebte in Kroton (Süditalien) ein kleiner Junge namens Milon, der so oft von seinen Nachbarskindern verprügelt wurde, bis er sich etwas einfallen ließ: er nahm ein neugeborenes Kalb und trug es jeden Tag um das Anwesen seiner Eltern. Anfangs kämpfte er sehr mit der Last, dem Zusammenbruch nahe, doch schon bald fiel es ihm immer leichter. Da das Kalb ja wuchs, wurde die Last, die er zu tragen hatte, immer größer und mit ihr die Kraft des jungen Milon, bis dieser am Ende ein ausgewachsenes Rind um den Hof seiner Eltern trug und nun seines Zeichens Rache an den Nachbarskindern übte. Dies tat er nicht zuletzt dadurch, dass er schon als heranwachsender Olympiasieger wurde sowie noch weitere fünf Olympiasiege und noch 25 Siege bei anderen Spielen hinzufügte. Dreißig Jahre lang gewann er fast alle Wettkämpfe und wurde der bekannteste Spitzensportler der Antike.

Auch wenn vielleicht doch ein bisschen Legende dabei ist, den Mann hat es wirklich gegeben. Leider hat sich die Nachwelt mehr für die vielen anderen Legenden um ihn und seine Siege interessiert als für seine Trainingsmethode. Denn er hatte schon die wichtigsten Prinzipien moderner Trainingslehre entdeckt. Leider blieb diese Erkenntnis den nächsten 2400 Jahren verborgen, so dass erst mit der Wiedereinführung der Olympischen Spiele 1896 durch Pière de Coubertin, so richtig aber erst mit dem Ende des zweiten Weltkrieges, die Trainingslehre eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin wurde.

Dabei hatte Milon schon die meisten der Prinzipien entdeckt, die nun im Folgenden so dargestellt werden sollen, dass sie einem Schiedsrichter helfen, sein Training sinnvoll zu gestalten.

Zunächst einmal entdeckte er den Grund, warum Training überhaupt funktioniert: Wenn der Körper einer übernormalen Belastung ausgesetzt wird, erholt er sich nicht nur von dieser Belastung, sondern gleicht seine Leistungsfähigkeit den neuen Anforderungen an, geht also über das alte Leistungsniveau hinaus. Deshalb nennt man diesen Vorgang Superkompensation (Mehrausgleich).

Damit ist dann das Gleichgewicht (Homöostase, keine Angst, das war das letzte Fremdwort) zwischen den Anforderungen und der Leistungsfähigkeit wieder hergestellt. Dieser Zuwachs hält aber natürlich nicht ewig an. Wenn nun innerhalb einer bestimmten Zeit der Körper nicht wieder in gleichem Maße belastet wird, gleicht der Körper auch dieses Ungleichgewicht nach unten aus, indem er die Leistungsfähigkeit wieder senkt. Auf diese Weise ist der Körper durch die Evolution immer genau an die momentanen Anforderungen anpassungsfähig. Leider funktioniert dieses Prinzip aber in beide Richtungen. Das bedeutet, wer einen Beruf ausübt , in dem er kaum Bewegung hat und sich auch sonst kaum bewegt, muss mit ansehen, wie ihn schon Treppensteigen außer Atem bringen kann, weil der Körper seine Leistungsfähigkeit den sehr niedrigen Anforderungen angepasst hat. Wer einmal längere Zeit im Krankenhaus war und sich nicht bewegen konnte oder durfte, kann ein Lied von diesem Ausgleich nach unten singen.

Dies ist auch ein Grund, warum heutzutage das Thema Training eine wichtigere Rolle spielt als früher. Denn als es noch keine Computer gab, der Fernseher noch nicht so intensiv genutzt wurde, Einkaufen noch nicht bequem von zuhause erfolgen konnte und noch nicht so viele körperliche Anstrengungen durch Roboter und Maschinen ersetzt wurden, waren die Menschen einfach trainierter als heute und mussten dementsprechend auch nicht so intensiv trainieren, um ein bestimmtes Niveau zu halten. So zählt das Argument vieler älterer Schiedsrichter nicht: »Als ich jung war, haben wir das noch nicht gemacht«. Denn als sie jung waren, saßen sie nach der Schule nicht den Rest des Tages vorm Computer oder nach der Arbeit vor dem Fernseher.

Damit ein Trainingsreiz (eine bestimmte Belastung) aber trainingswirksam ist, also den Körper zum Mehrausgleich reizt, muss er den Körper mehr als normal belasten. Das bedeutet, dass eine gewisse Reizschwelle überschritten werden muss. Diese Reizschwelle ist bei jedem anders, liegt am Anfang noch sehr niedrig und lässt sich am einfachsten dadurch bestimmen, dass der Körper durch die Belastung Ermüdungserscheinungen zeigt (zum Beispiel anfangs schon nach 30 Minuten lockeren Laufens). Reize, die diese Schwelle nicht überschreiten (zum Beispiel zügiges Spazieren Gehen), haben keine Funktion. Sie sind noch nicht einmal in der Lage, den Abfall der Leistungsfähigkeit bei fehlendem Training aufzuhalten.

Dies heißt für uns als Schiedsrichter, dass es nicht ausreicht, jede Woche seine Spiele zu leiten, um wirklich gut trainiert zu sein (zum Prinzip der optimalen Trainingshäufigkeit: siehe nächste Ausgabe). Denn man hat ja nicht jede Woche ein Spiel, und in manchen Spielen muss man sich auch gar nicht viel bewegen, so dass die Gefahr besteht, auf einmal mit dem nächsten Spiel überfordert zu sein. Dazu kommt, dass jemand, der sich kaum körperlich betätigt, einfach nicht fit genug ist, um auch zu Spielende bei einem Konter noch einen langen Sprint hinzulegen. Das Amtieren als Assistent hat übrigens kaum bis keine Trainingswirkung. Der Puls geht – das ist im Selbsttest mit Pulsuhr erprobt kaum über 120. Damit aber ein Effekt erreicht werden kann, ist – individuell und nach Alter unterschiedlich- eine Belastung von über 140 Schläge pro Minute nötig.

Das heißt: Den inneren Schweinehund überwinden und sich sportlich betätigen. Wer einmal draußen ist, wird sehen: Es macht Spaß!

Der Artikel wurde im September 2010 in der »Kreuzberger Trillerpfeife«, der Zeitschrift der Lehrgemeinschaft Kreuzberg, veröffentlicht. Diese und weitere Ausgaben können auf der Webseite www.lehrgemeinschaft-kreuzberg.de heruntergeladen werden.