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Was trainierst Du?

Logo der Kreuzberger Trillerpfeife © LG KreuzbergDer vorerst letzte Teil von Stefan Paffraths Serie über die Trainingslehre in der Kreuzberger Trillerpfeife setzt sich mit dem Qualitätsgesetz auseinander. Nach einem Monat Pause ist nun bei dieser Serie langsam der Endspurt in Sicht. Nachdem bereits beschrieben wurde, wie oft und wie intensiv ein Training im Optimalfall auszusehen hat, geht es jetzt um eine der wichtigsten Punkte und Knackpunkte beim Schiedsrichtertraining: Was genau soll ich als Schiedsrichter trainieren, um den Anforderungen auf dem Platz am besten genügen zu können?

Ein Marathonläufer der Weltklasse ist, wenn es um Gewichtheben geht, genauso schwach wie unsereins. Ein Olympiasieger im Gewichtheben ist dagegen läuferisch auf dem Niveau eines Normaltrainierten. Das bedeutet, ein Training ist umso besser, je genauer es auf die Belastung abgestimmt ist, für die trainiert wird. Kurz gesagt: Der Körper kann das, was er geübt hat. Daraus lässt sich schon einmal schließen, dass es leider fast gar nichts bringt, als Schiedsrichter immer nur 30 Minuten laufen zu gehen. Das ist natürlich besser als gar nichts, aber ein Spiel hat nun mal 90 Minuten, das wusste schon Sepp Herberger. Das Training muss aber nicht nur in der Länge, sondern auch inhaltlich auf die Anforderungen als Schiedsrichter abgestimmt sein. Nun stellt sich also die Frage, welche Belastung ein Schiedsrichter auf dem Platz hat und welche Fähigkeiten besonders trainiert werden müssen.

Es wurde herausgefunden, dass ein Schiedsrichter in einen Herrenspiel ungefähr acht bis 12 Kilometer zurücklegt, je nach Spielklasse und -charakter. Der Anteil von lockerem Laufen und Gehen ist dabei verhältnismäßig groß. Das bedeutet, der Schiedsrichter muss über eine gute Grundlagenausdauer verfügen. Darüber hinaus muss ein Schiedsrichter in einem Spiel nur wenige explosive, kurze Sprints absolvieren, d. h. hohe Spitzengeschwindigkeiten sind nicht gefragt. Vielmehr muss ein Schiedsrichter auch am Ende des Spiels noch in der Lage sein, bei einem schnellen Konter durch einen Tempolauf das Mittelfeld schnell zu überbrücken und auf Ballhöhe zu bleiben. Diese Tempoläufe können teilweise einmal quer über das ganze Spielfeld gehen, also sehr lang sein. Deshalb muss ein Schiedsrichter eine gute Schnelligkeitsausdauer besitzen, um eben auch kurz vor Schluss noch auf Ballhöhe zu sein. Hier zeigt sich zusätzlich noch das Problemfeld, dass die Konzentration im Laufe des Spiels nachlässt – vor allem bei schlechter Kondition. Aber gerade gegen Ende wird es in vielen Spielen noch einmal hektisch. Wenn nun eine gute Schnelligkeitsausdauer nicht vorliegt, so gerät der Spielleiter heftig außer Puste oder muss zurückbleiben. Beides kann dazu führen, dass er Entscheidendes übersieht.

Als letztes muss der Schiedsrichter auch verschiedene Bewegungsarten beherrschen wie seitwärts oder rückwärts zu laufen. In Verbindung mit schnellen Drehungen wird dem Schiedsrichter ein hohes Maß an Beweglichkeit abverlangt.

Wenn man nun zusammenfasst, muss der Schiedsrichter eine exzellente Grundlagenausdauer und eine sehr gute Schnelligkeitsausdauer verfügen, während es auf kurze, schnelle Antritte weniger ankommt, dafür aber auf hohe Beweglichkeit.

Wer also bei seinem Training immer nur locker durch den Wald läuft, und sei es auch zwei Stunden lang, der wird in einem Spiel, das viel hin und her geht, vom Qualitätsgesetz bestraft. Genauso wie einem, der immer nur kurz und schnell läuft, am Ende eines Spieles die Puste ausgehen wird. Denn nach dem Qualitätsgesetz kann der Körper eben nur das, was er auch geübt hat. Deshalb sollte ein Training schon über eine gewisse Länge gehen. Es müssen keine 90 Minuten sein, aber im Optimalfall und bei gutem Trainingsstand 60 Minuten. Es sollte vor allem viel locker und zügig gelaufen werden, um eine gute Grundlagenausdauer zu erreichen. Während mancher Trainingseinheiten sollten an geeigneten Stellen (zum Beispiel auf geraden Strecken) längere Tempoläufe (50 bis 100 Meter) und Steigerungsläufe eingestreut werden. An einer anderen Stelle kann auch mal seitwärts und rückwärts gelaufen werden. Dadurch wird der Körper auf die Anforderungen in einem Spiel optimal vorbereitet. Zur Schulung der Beweglichkeit dient übrigens auch das intensive Dehnen an Anfang und Ende jedes Trainings. Wer zusätzlich auch seine Sprintfähigkeit trainieren möchte, sollte zu einem frühen Zeitpunkt im Training, aber erst, wenn man richtig warm und gedehnt ist, einige kurze Sprints absolvieren. Danach jedoch muss man auch eine großzügige Pause machen, bei der der Puls aber nicht unter 120 fallen sollte.

Diese Trainingsanordnung setzt natürlich voraus, dass auch die bisherigen Hinweise über das Warmmachen, die richtige Häufigkeit (im besten Fall alle zwei Tage, mindestens zwei- bis dreimal die Woche) und die langsam ansteigende Intensität beachtet werden. Wer sich nicht dehnt, riskiert Verletzungen. Wer zu große Pausen zwischen den Trainingseinheiten macht, verschenkt Trainingseffekt bis hin zu gar keinem Effekt. Wer gleich mit 60 Minuten anfängt (am Anfang reichen 30 Minuten), der belastet sein Herz und seinen Kreislauf unnötig und viel zu stark. Wie im ersten Teil erwähnt, liegt die effektivste Trainingsintensität in dem Bereich, in dem man eine Anstrengung spürt, jedoch noch nicht außer Puste gerät. Hiermit wird sich auch eine spätere Folge dieser Serie noch näher beschäftigen, in der es um Herzfrequenz-orientiertes Training gehen wird. Zu bedenken ist auch der Inhalt der nächsten Ausgabe, die sich mit der Anpassungsfestigkeit und dem längerfristigen Trainingsaufbau beschäftigt.

Letztlich jedoch am wichtigsten ist, dass man sich beim Training immer wohl fühlt und nach einer gewissen Zeit den Spaß daran kennen lernt. Dabei wünsche ich euch viel Erfolg und Vergnügen.

Der Artikel wurde im Januar 2011 in der »Kreuzberger Trillerpfeife«, der Zeitschrift der Lehrgemeinschaft Kreuzberg, veröffentlicht. Diese und weitere Ausgaben können auf der Webseite www.lehrgemeinschaft-kreuzberg.de heruntergeladen werden.